Problemdenker statt Problemlöser: Eine Antwort

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Dora hat sich in ihrem Blog mit der Frage beschäftigt: “Wozu eigentlich Medienwissenschaft?” Ich finde die Frage  sehr spannend: Weil ich im Nebenfach zusätzlich (auch das) noch Philosophie studiere, muss mich quasi ständig damit auseinandersetzen, warum ich ein Laberfach studiere. Der Versuch einer Antwort.

Ziel jeder Wissenschaft, so meine etwas naive Annahme, sollte es immer sein, die Gesellschaft voranzubringen. Forscher sind dem Fortschritt verpflichtet.

Biologen erforschen Pflanzen, schaffen neue Möglichkeiten effektiver anzubauen. Physiker erhöhen den Wirkgrad von Solarzellen und schaffen die Grundlage für eine naturverträgliche Energiegewinnung. Mediziner entwickeln Medikamente für Krankheiten, die noch vor zehn Jahren als unheilbar bezeichnet wurden. Was machen wir, Geistes- oder Sozialwissenschaftler? Stuhlkreise, Filme schauen, Theoriearbeiten schreiben, die keinen “Sinn” haben…

Dora schreibt:

Professor Rudolf Schlögl von der Uni Konstanz sagt in einem
Interview mit dem Spiegel „Geisteswissenschaften sind an sich nicht nützlich, sie sind der Sand im Getriebe der Pragmatik.”

Gefällt mir gut, was die Herren da meinen. Es geht also um Alternativen. Wir befassen uns mit dem Vergangenen und könnten Alternativen für die Zukunft aufzeigen.

Später stellt sie Forderungen auf, welche Fragen wir uns nach einem Studium der Medienwissenschaften beantworten können bzw. sollten:

Konkret, sollten wir nach unserem Studium eine ganze Menge Wissen über Medien angesammelt haben. Über Medienwirkungen und die Verflechtung der Gesellschaft mit den Massenmedien. Wir sollten wissen, dass die Inhalte, die Rezipienten angeboten werden, sie nicht unberührt lassen. Jeder einzelne von uns sollte eine Position gefunden haben, zu Nacktheit, Gewalt und Konsum in den Medien. Wir sollten zumindest an uns selbst festgestellt haben, was sie mit uns und unserem Selbstbild machen und daraus ableiten können was sie unter Umständen mit anderen machen. Und – das ist das Entscheidende – wir können es ablehnen. Wir können Fragen stellen und uns einmischen.

Die Medienwissenschaft, besser gesagt, die Medienwissenschaftler, können einen Beitrag leisten, in dem sie Ratgeber und Begleiter sind in einer Welt, die immer schneller und undurchsichtiger wird.

Jetzt kommt erst mal ein Platzhalter

Sie hat Recht und gleichzeitig Unrecht. Meiner Meinung nach sind Medienwissenschaftler nicht automatisch dazu berufen, die Probleme zu lösen, die in unserer Gesellschaft durch Medien entstehen. Vielmehr ist es das Aufzeigen dieser Probleme. “Die Jugend wird durch Wikipedia und Google immer dümmer” – mal wehen die Fahnen nach diesem Wind, mal nach jenem. Je nach Auftrag- bzw. Geldgeber und Denkrichtung finden Medienwissenschafler Probleme oder Vorteile in medialen Umbrüchen. Das ist eigentlich gar nicht so seltsam: Je nach Forschungsmethode, Begriffsbestimmungen und viel wichtiger noch – den Untersuchungsteilnehmern – bekommen wir andere Antworten. Solche Ergebnisse sind trotzdem hilfreich, aber eben nicht absolut.

Jetzt kommt der (kurze) philosophische Teil

Medienwissenschaftler erforschen keine “Wirkungen” von Medien. Das kann kein Geistes- oder Sozialwissenschaftler. Genauso wenig wie Naturwissenschaftler. “Wirkungen” setzen Kausalität voraus. Die können wir nicht beobachten. Wenn das so wäre, bräuchte ich nicht mehr arbeiten, weil ich mit Werbefilmen, die “wirklich” ziehen, reich geworden wäre. Wir untersuchen, wenn wir uns mit den “Effekten” von Medienangeboten beschäftigen lediglich, was mit den Rezipienten passiert, wenn sie einen Film schauen, Radio hören, einen Text lesen oder mit Werbung bombardiert werden. Wir können auch nicht darüber entscheiden, ob “Killer”-Spieler aggressiv machen – egal welcher akademischer Würdenträger das behauptet. Wenn wir von Wirkungen und Kausalität sprechen, sind wir nicht mehr in der außersprachlichen Wirklichkeit, sondern einfach “nur” in der Logik: Wir sprechen mit und über Sätze, nicht über das “Tatsächliche”.

Das Zitat aus der Sicht eines Medienstudenten

Meine Aufgabe ist es nicht, Probleme zu lösen. Sondern vielleicht, sie konkret darstellen zu können, aufzuzeigen, wo sie entstehen können. Welche Einflüsse sie haben können. Zusammenhänge zwischen Medien und Gesellschaft nachzeichnen, sie in abstrakte Begriffe zu fassen. Zu verstehen, wovon man redet! (Nein, es ist keine unlösbare Frage, was ein Medium ist. “Das ist eine schwierige Frage”, ist auch keine Antwort. Es ist auch nicht schön, intellektuell oder wichtig, sich Jahre lang um eine Begriffsklärung zu drücken. Nützliche Definitionen können sowieso nie komplett, aber immerhin verständlich sein.) Das sollten unsere Aufgaben sein: Medienbegriffe liefern, die man verstehen und anwenden kann. Konzepte zu analysieren, Prozesse transparent zu gestalten. Aus der Blackbox “die Medien” jeden Teil herausziehen und nachvollziehbar zu machen. Das sind, unter anderem, Aufgaben eines Medienwissenschaftlers.

Der erzieherische Ansatz

Natürlich ist es wichtig, Probleme zu lösen, die durch (übermäßigen) Medienkonsum entstehen. Welchen Zeitungen sollte ich (uneingeschränkt) glauben? Wie kann ich Kinder vor brachialer Gewalt im TV schützen – sollte ich das, wie lange, wann? Wie erziehe ich mir eine Generation von Mediennutzern, die unter Wikipedia mehr versteht als “Copy&Paste”? Dora hat Recht, wenn sie schreibt:

Wir können nach der Sinnhaftigkeit und dem Nutzen dieser Dinge fragen und was sie für eine Gesellschaft bedeuten. Unser Beitrag könnte aber auch sein, selbst Inhalte zu produzieren, die bilden und zum Hinterfragen anregen. Vor gar nicht all zu langer Zeit, gab es sie nämlich noch, die Kultur des Hinterfragens unter uns Studenten.

Wir können uns mit all’ diesen Fragen beschäftigen und die Probleme aufzeigen, aber nicht auch noch lösen. Zumindest nicht alleine, dafür brauchen wir (Medien)Pädagogen, Soziologen, Informatiker, Kommuikationsdesigner, Biologen(!), Chemiker, Physiker … Wir sind keine Superhelden. 😉

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